Reiseerlebnisse und Erinnerungen von meiner Wienreise
vom 20.-31. August 1920

Hans Dian

(Abschrift der handschriftlichen Niederschrift - in „gothischer“ Schrift, kursiv).

 

Nachstehend will ich von meiner Reise auch den Daheimgebliebenen etwas mitteilen, wie es uns in der Zeit vom 20. — 31. August ergangen ist. Es waren zumeist lustige Stunden, da wir uns gut zussamengefunden haben.

Ich habe während der Reise mier alles in ein Notes eingetragen und selbes an Sonntagnachmittagen seit meinem hierseins in dieses Heft übertragen und mier damit Zeit vertrieben Hans hat dan gewöhnlich mit seiner Harmonika einige Stücke gespielt um damit ich flotter schreiben könne und damit wier gleichzeitig uns lebhaft an die Heimat errinern, wo sie jetzt gerade - wie Hans es behaupten wollte, da es doch Sonntag Nachmittag ist - einen Ländler tanzen werden. So vertrieben wier uns die Zeit und langsam wurde mein „Werk“ fertig an welchem ich Ende September begonnen habe.

Heute bin ich nun fertig geworden und übersende es der Heimat mit dem Stein Peter u Niklas Hans.

Grüsse auch die Ihr es lesen werdet recht herzlich und verbleibe

Euer Hans Dian, Wien am 13.Xll.1920

Tagebuch beginnt am 20. August, 12 h Vormittag.

Nach dem Abschied von meinen Eltern und Angehörigen bei welchem mir sehr bange war, was ich jedoch gut zu verbergen wuste ging ich zum Onkel Matz, wo wier laut verabredung unsere zussammenkunft hatten wo auch der Wagen bereitstand uns weg zu transportieren.

Unterwegs kam ich aber noch mit meinem Freund Tischler Matz, Feimer Schuster und mit meinem Kusin Hans und Peter wo auch schon mein Partner und Freund Schneider Hans war zussammen. Wir machten wohl einige Scherze, die uns aber nicht recht gelingen wollten.

Hans, der Engländer, meinte er sähe uns schon wieder zurück kommen, da überhaupt kein Zug nach Wien gehe (oh wäre es nur wahr gewesen).

Nun gingen wir weiter, den der Wagen wartete schon auf uns. Dort angekommen wurden wier noch mit Wein gestärkt. Nochmaliger Abschied und schon zog uns Herr „Bandi“ zum hinaus. Unser letzter Weg aus der Heimat, die wir nach den königl. Rumän. Gesetzen nicht mehr sehen sollten.

In der Mittergasse angekommen blickten wier nochmal der Gasse entlang zurück, wo unsere Augen an der Bogenlampe vom „Schwarze Jani“ haften blieben. Traurig und Wehmütig sah die Lampe uns nach. Vom Winde leiße hin und her bewegt, schien es als wollte sie dennen ein „Lebewohl“ nachrufen, welche sie manchmal so schelmisch von oben angrinste wenn sie um Mitternacht über ihre eigenen Füße stolpernd und frohe Lieder singend heimgingen. Und sicher war sie auch oft Lauscherin, wenn der Tanz zu ende war und wir draußen auf unsere Mädels warteten und ihnen heimlich etwas liebes zuflüßterten oder gar einen „Schmatzer“ raubten.

Ja ja, die Lampe könnt‘s erzählen.

Nun ging es weiter. Wie Spione spähten wier nach jedem Hofe ob sich nicht irgend ein Blond- oder Schwarzkopf zeige, dem wier ein Kußmaul zuwerfen könnten. Es war jedoch Mittagszeit und niemand kümmerte sich um die Ausgewiesenen. Doch! meine kleine Sofie ließ sich noch erschauen, wie auch meine Gotel, Jung Hans und Matzi, wo es wieder eine kleine Abschiedsszene gab. Jetzt verließen wier schon die letzten Häuser. Niemand ließ sich mehr sehen…

Lebe wohl due stille Gasse, ade du trauter Ort“….

Als wier gegen die Weingärten kamen, sahen wier einen Einspänner daher traben. Der Mann schien ein Deutscher zu sein, die Frau jedoch welche kutschierte, eine Serbin. Aber oweh! Als sie näher kamen war es keine Frau und auch keine Serbin sondern ein Fräulein und dazu eine Deutsche u. zw. die Streitmatter Nanschi (dient zu ihrer gefälliger Beachtung). Eine optische Täuschung. Von ihr bekam ich den letzten Ujpécser Kusß (Ich glaube ich habe nicht gelogen). Auf der Strasse kamen noch einige Milchwägen mit den dazugehörigen Milchweiber, welche uns auch viel Glück zudachten oder gar wünschten. Auch meine Tante (Nanschi) Jani und Kathi begegnen uns noch. So verloren wier immer um ein Stückchen Heimat mehr.

Ungefähr um 5 h nachmittag zog unser Bandi mit seiner Last Majestätisch in den Braunwirthof ein. Nachdem wier uns durch ein Nachtmahl aus dem Rucksack gekräftigt hatten, nahmen wier von unserem Kutscher, dem lieben kleinen Franz Abschied. Somit ging unser letzter Kumpane, mitschuldiger von allen Saufereien von dannen.

Wier gingen dan vom Braun zur Bahn um uns zu überzeugen ob unser Zug auch da sei. Und er war da. Beruhigt kehrten wier Zurück.

In der Nacht soll sich Schneider Hans unterhalten haben mit einigen Landsleuten, ich jedoch, daß Musterkind, begab mich zur Ruhe.

August am 21. Der Frühzug brachte einige Peciul Nouer mit. Auch meine Mutter brachte uns noch warme Speisen mit. Zu Mittag bekamen wier einige Dutzend Pfannkuchen welche wier mit Andacht verzehrten. Hier nahm ich auch den Abschied von Mutter und Verwandten. Nun ging es los mit dem Einwaggonieren. Wier hatten uns zum Glück schon des Vormittags in dem Waggon Nr. 92065 einen Platz reserviert und hatten nicht so viel scherereien. Daß gab hier ein schreien, schimpfen, laufen, fluchen, weinen, gekreisch und krawall das man meinte ganz Rumänien würde Repatriiert werden. Gegn 5 h wurden die Pässe ausgeteilt. Als dies fertig war ging ein jeder in seine Behausung. Dan wurden wier in den Waggons gezählt und später die Pässe wieder abgnommen und dem Herrn Major Priy, unserem Begleiter - einem sehr lieben Menschen übergeben.

Unser Freund Welter Willy besuchte uns noch vor der Abfahrt. Müller Kathi war bei uns bis zum letzten Augenblick, als der fast endlose Zug abgefahren ist und hat an dem rührenden Abschied teilgenommen.

Bevor ich die Reise schildere, will ich meine lieben Leser mit meinen Reisegefährten bekannt machen.

Nr. 1 u. 2 Herr und Frau Kallina aus Resicza, nach Deutschland, Solingen. Nr. 3 u. 4 Herr u. Frau Friedmannsky aus Resicza nach Solingen. Nr. 5 Frau Maria Eberhardt nach Solingen Nr. 6 Frl. Anna Grund aus Temeswar nach Solingen, Nr. 7 u. 8 Herr und Frau Konstantin Ion aus Resicza in die Schweiz, Winterthur (letztgenannter ist ein Zigeunermusiker welcher uns unvergesslich sein wird den es sind aufrichtige Leuter, darum soll mann nie auf die Nationalität, sondern auf seinen Charakter schauen und nach diesem urteilen). Nr. 9 Frl. Leopoldine Hasik, eine Wienerin, welche sich während des letzten Kriegsjahres in einen Soldaten verliebte und der sie auch mitlockte nach Resicza wo er sie jedoch nicht heiratete und sie tüchtig arbeiten ließ und außerdem von der zukünftigen Schwiegermutter nach Schwiegermütterart behandelt wurde, bis sie sich entschloß mit Herrn Ion welcher ihr Nachbar war bis Wien mitzufahren (Paß hatte sie keinen, aber es geht auch so). Nr. 10 Herr Kubalik Stefan aus Oberungarn, jetzt Slowakei, wurde im Jahr 1912 nach Csakova ins Steueramt als Steueroffizialbeamter versetzt und ließ sich jetzt heimbefördern. Er ist ein zweiter Napoleon da er ihm ähnlich ist. Nr. 11 Herr Benedikt Stauber aus Temeswar, Nr. 12 Herr Becker Mathias aus Ujpécs, Nr. 13 Herr Peter Schulteis aus Ujpécs Nr. 14 Herr Schneider Hans aus - na ihr wißt schon und Nr 15 meine Wenigkeit.

Punkt 7.15 Uhr fuhr der Heimkehrerzug aus dem Bahnhof hinaus. Von überall Lebewohlrufe. Eine riesige Menschenmenge hat sich längst der Bahnstrecke gesammelt. Sie bildeten ein Spalier fast bis nach Szentandrás. Es sind sogar einige welche dem Zug ein stückchen nachlaufen. Ich bildete mier nicht wenig ein. Da wier zu fünfzehnt im Waggon sind, so herrscht allgemeine Heiterkeit. Man kugelt sich am Boden vor lachen. Herr Ion hatte eine riesige Melone die geschlachtet wurde, (ich habe ihr den Schweif gehalten) und alle Bewohner des Waggons haben davon gegessen. Sogar ich mußte davon essen und es blieb noch übrig davon. Man kann sich die größe vorstellen.

Abends 10 h kammen wier in Arad an. Wier begannen unser Nachtlager herzurichten. Es war bescheiden und ließ viel zu wünschen übrig. Noch keine 10 Minuten haben wier gelegen als wier schon daß ächzen und stöhnen einiger hörten. Immer hob sich jemand auf. Herr Ion meinte es sieht ungefähr so aus, als wenn man die Tasten des Klaviers klopft wo sich dann auch der Hammer hebt welcher auf die Saiten schlägt. Es war also ein musikalischer schlaf. Kein Zweifel, der Beweis bringt uns schon das Jammern derer, welche sich die Rippen ein gedrückt hatten. Ich ausgenommen schlief fest (den zuwas war ich Soldat gewesen.)

In der Nacht wachte ich auf, da fiel ein solcher Regen, daß man meinte, alle Schleusen des Himmels hätten sich geöffnet. Als wier in der Früh aufstanden hörten wier von allen seiten klagen. Es hat nämlich in ein großen teil der Waggons hereingeregnet und es hatten doch viele ihre Möbel mitgenommen. Es wäre angezeigt gewesen, sie hätten auch Kähne mitgenommen, nicht nur Möbel. Wier jedoch blieben von dem Göttlichen Segen verschont.

August am 22. Wier befanden uns also noch in Arad und machten uns gleich an die Toilette. Um 8.10 h fuhren wier von da weg. Alles war gut gestimmt und haben gesungen. Wier fuhren durch die Station Glogovác und Gyorok. Hier hört die Ebene auf. Kleine Hügeln sind da und Riesige Weingarten da sieht man auch von wo daß viele Obst auf unsere Märkte kommen. Hunderte Joch Obstgärten dehnen sich hier aus. In der Station Radna steht der Zug, fährt aber gleich weiter. Schon fahren wier durch daß breite Maroschtal mit sein Berglein. Ein Herr meinte (es war Becker Matz) es müssen hier doch fleißige Leute wohnen, sprach er, den was meint Ihr was das Arbeit und Mühe gekostet hat, die Erde auf einen Haufen zu tragen. Alles lacht über den guten Witz. Hier in dieser Gegend wird sehr viel Mais gebaut auch Hanf sieht man aber viel kleiner als bei uns. Einzelne Dörfer sieht man hier mit sehr zerstreuten Häußer oder vielmehr nur Strohhütten. Die Menschen leben hier scheinbar sehr arm. In dem ich hier meine Skizze mache, schlafen die übrigen und sehen nichts von der schönen Gegend. Ich z.B. könnte jetzt nicht schlafen. Um 3 h ankunft in Marosillye und um 4 h in Déva. Die Stadt bietet ein Prächtiges Panorama. Besonders nenneswerth ist die Burg Déva. Abendsankunft in Piski, wo wier unser Nachtlager herrichten. Unser Freund Becker Matz nahm sich ein „Banater Tagblatt“ an stelle eines Strohsackes, damit er doch etwas unter sich habe.

August am 23. Morgens um 4.27 h beginnen wier schon einige Lachsalwen abzufeuern. Das Lachen begann auf der Herrschaftseite (wier waren in zwei Parteien geteilt, die nach Deutschland die bessere Partei und wier die Diener Partei. An einem Ende hausten jene, am anderen wier.)

Also drüben die fingen an zu kichern und da wier es nicht wußten warum und weshalb sie es tun, so fingen auch wier an aus Leibeskräften zu lachen das wier uns wälzten. Auch be klagte sich Herr Kubalik, das ihn sein Schlafnachbar - es war Schulteis - derart mit den Füßen „geknetet“ hat, das er sich einbildete er sei eine Backmulde. In der tat lag Schulteis in solcher Stellung am Morgen, das seine Füße dem Herrn Kubalik auf der Bauchgegend lagen, sein Kopf aber auf einem Koffer. Wie er das zustande brachte, ist ein Rätsel der Nacht.

Als wier uns angekleidet hatten, öffneten wier unser gemach und erfuhren, das wier am Toviser (Teius) Rangierbahnhof sind und in der Nacht über Gyulafhérvár (Karlsburg, Alba lulia) gefahren sind. Im laufe des Tages passierten wier noch die größeren Ortschaften Nagy enyed (Aiud) und Székelykocsard. Auf der Strecke bisher sehen wier Rumänische Dörfer mit sehr engen Gassen, die Häußer haben alle rote Dächer und blau getünchte Wände. Abends 8 h ankunft in Klausenburg (Cluj). Hier mußten wier wieder 5 Stunden warten, obzwar uns versprochen wurde gleich weiterzufahren. An das waren wier schon gewöhnt, den das ging schon so von Arad aus. Da es Nacht war wollten wier nicht in die Stadt gehen und legten uns daher nieder. Herr Ion, Herr Becker, Herr Schneider Hans gaben einige Witze zum besten an denen ich so viel lachte das mir der Bauch weh tat.

August am 24. Als wier in der Früh erwachten waren wier in Bánffyhunyad. Wier haben also den schönsten teil Siebenbürgens in der Nacht passiert. Heute Morgens hatte Schulteis folgende stellung bzw. Lage: sein Kopf lag dem Herrn Kubalik unter den Füßen, seine eigenen Füße aber waren an der Seitenwand in die Höhe gestreckt, also so, daß sein Körper ein Rechtes winkel bildete. Um 9 h mußten wir in Königstein (Pietra Craiului) einen Personenzug warten, was wieder einige Stunden dauerte. Nach beendeter waschung u. Toilette gab unsere Kappelle bestehend aus dem Kappellmeister Dian, dan Herrn Jon, Kubalik, Stauber, Schneider Hans u.s.w. ein Konzert zum besten. Herr Jon hatte seine Noten bei sich und gab jedem ein Blatt davon. Ein jeder brummte, sang oder schrie aus Leibeskräften und wier brachten ein ähnlichen Donauwellen zussammen. Meine Lieben, ihr könnt euch den Krawal ausmalen. Plötzlich aber bekommen wier Heimweh, den der Rakie ist uns ausgangen. Jetzt griff alles nach dem Brotsack, den wir hatten noch nicht gefrühstückt.

Nun fahrt der Zug mal im schnellen Tempo durch die herrliche Landschaften. Man wußte nicht wo man hinblicken sollte. So oft wier etwas sehr schönes sahen fielen wier uns alle um den Hals und jauchzten vor Freude.

Über Mezötelegd, berühmt durch seine Petroleum Quellen, fuhren wier vorbei und kamen gegen Mittag in Nagyvárad (Oradea Mare) an. Da wier auf einige stunden dortbleiben sollten so gingen wier uns die Stadt besichtigen. Alles war dort schon viel teurer als daheim. 1 kg Melonen kostet dort 5 K. Da ich mal etwas warmes essen wollte, so ging ich in daß Hotel „Mare“ und bestellte mier einen Gulyás Natürlich ich war in meinem Reisekostüm und von der Fahrt nicht richtig geputzt oder gepflegt und sah aus wie ein Modeeinbrecher und machte daher keinen guten Eindruck auf den Herrn Kellner deswegen er nicht viel Rücksicht auf seinen Gast nahm. Er brachte mier daß gewünschte. Was ich da vor mier hatte war nicht ganz klar. Es sah ungefähr so aus wie geschnittene Haut eines Esels oder Mully, das mit abspül (abwasch) wasser übergossen ist. Jedenfalls führte ich einen Bissen dem Munde zu. Ich glaube, bei der Taufe hab ich keine solche Grimassen gemacht als jetzt. Nachdem ich aber konstatierte und gründlich festgestellt hatte, das selbes zäh wie Leder, schlecht wie Rizinus und ecklig wie - na ich will‘s nicht sagen - war, rief ich fizetö Pincér und bezahlte es mit den Worten Schweinefutter und ging schleunigst davon. Unterließ aber weitere Gulyásversuche. Mit dießer Erinnerung an Großwardein dampfte der Zug nachmittag 5 h weiter. Hier kamen wier wieder in die Ebene und waren der Heimat wieder näher, den wier machten doch einen guten umweg. Wier gingen sozusagen mit der Kirche um‘s Kreuz.

Gegen Abend passierten wier Bihar (Biharia) und Dioszegh (Diosig). Bisher schliefen wier noch immer auf unserem harten lager. (Ausgenommen Becker Matz, der schlief auf seinem Banater Tagblatt. Die folge davon war, daß er in der Nacht heftige angriffe auf die Schwäbische Volkspresse machte.) Nun sollte mal änderung geschehen. Auf der ganzen Strecke bisher war viel Heu, aber immer dan wenn der Zug gefahren ist. Blieb er stehen, so war kein Heu. Heute Abend blieb der Zug länger Zeit stehen. Unter meiner führung ging der Herr Jon, Hr. Stauber, Herr Schulteis und Herr Schneider Hans auf Beute. Der alte Mond spendete uns ein spärliches licht, und langsam schlichen wier, rechts und links schauend, auf die Wiese hinaus. Das Glück schien uns hold zu sein, denn schon nach kurzem suchen fanden wier daß gewünschte. Es waren da mehrere sogenannte Podrenzen, von welchen wier eine im „Sturm“ nahmen. Schnell nahm ein jeder, was er in beide Arme fassen konnte und traten den Rückzug an. Doch kaum taten wier einige Schritte, als wier ein lautes: mitcsináltatok itten? hörten, und schon stand ein schwarzes Eisenbahn Ungeheuer vor uns. Mier wollten schier die Haare zu Berge stehen und in Gedanken fühlte ich schon dem Vasútas bácsi seine Signal Fahne über meinem Rücken. Wier stotterten allerlei unverständliches hervor bis ich ihm zuletzt versicherte, das wier nicht ein einzigesmal schlafen konnten, seit wir aus Omsk/Sibirien kamen da wier auf dem harten Boden nicht liegen konnten, und er uns das bischen Heu doch lassen wolle. Gerührt von unserem Schicksal, schenkte er uns das Heu. Wier verschwanden wie der Nebel nach unserem Waggon. Das gab ein Hallo. Vor Freude veranstalteten wier ein Melonenwettessen. Und merkwürdig: Ich, der bisher noch nie Melonen mit appetit gegesen hat, fing auch an dieselben nach richtiger art einzuhauen.

August am 25. Zeitlich erwachten wier. Der Zug stand stille. Herr Kubalik aber klagte. Schulteis hat ihm nämlich in der Nacht mit der Ferse die Nase gerieben und weitere drei Rippen eingehauen.

Als wier hinausguckten hörten wier, das wier in Szatmár Neneti sind, aber weiter draußen auf einem toten Geleise stehen und ausgerechnet dorthin, wo das dort befindliche Militär und Stadt ihren Dünger und Kehricht hingeben. Daß war zweifellos eine herrliche aussicht. Auf der Rechten seite ist ein Helden Friedhof, wo mehrere hundert Österreich-ungarische, wie auch soviel Russische Kriegsgefangene begraben sind. Da sieht man wo die Vermißten sind. Ich ging durch die Grabreihen durch und auf sehr viel Gräbern leße ich: Unbekannt. also man fand nichts bei ihm, was seinen Namen geben kannte, somit wurde er als unbekannter begraben. Ebenso auch die Russische Gräber. Wer wird wohl den Angehörigen von den hier begrabenen Soldaten sagen können wo ihre Brüder liegen. Niemand. Und dieße warten vergeblich auf ihre Rückkehr. Und so ist es auch umgekehrt. Trotzdem könnte die Stadt Sat Mare Sorge tragen, daß der Friedhof in Stand gehalten würde, den ich meine so viel hätten unsere Brüder verdient. Viele Kreuze sind umgebrochen, und nur die hügeln zeigen daß dort eine Grabstätte ist. Sonst ist alles mit Gras überwachsen und darauf weidet das Vieh.

Wier gingen in die Stadt, hat einen sehr lebhaften Wochenmarkt, wo wier uns auch mit frischen Lebensmittel versehen konnten, Milch, Topfen, Butter u.s.w., aber bedeutend teuerer als bei uns, d.h. bei euch, fast das doppelte. Als wier zurückkehrten, überraschte man uns das wier Zwei Tage hierbleiben, den Mist hüten. Den ganzen Tag hindurch hat es geregnet. Somit konnten wier uns draußen nicht aufhalten und vertrieben uns die Zeit mit Essen, Trinken und Rauchen. Gleich bei anbruch der Nacht begaben wier uns in das königl. Bett. Bevor wier aber einschliefen war allgemeiner Witzabend, bis Schulteis uns durch sein schnarchen - das einem Orkan glich - zur Kenntnis gab, das jetzt die Zeit zum schlafen sei.

August, am 26. Durch ein lautes fluchen wurden wier um 5.30 h wach. Was war da? Schulteis und Kubalik balgten sich am Boden aber mehr schlafend als wachend bis sie von Herr Friedmansky zum stillstand gebracht wurden. Schulteis hat nämlich in der Nacht zu tun gehabt, was kein anderer für ihn tun konnte. So stieg er auf um es bei offener Tür zu tun. Nachher aber legte er sich nicht nieder, sondern blieb auf einem Koffer sitzen und guckte bei der Thürspalt hinaus um sich warscheinlich an der Landschaft zu ergötzen obzwar es Nacht war. So sitzend schlief er aber ein und fing auch gleich an - wie seine Nächtliche gewohnheit war - gymnastische Uebungen zu machen, bei welcher er von seinem Koffer herunter fiel und dem Herrn Kubalik überquer, der natürlich erschrack und halb schlafend um sich schlug, auf was sich Schulteis tüchtig revanchierte, bis man sie zur besinnung brachte.

Um 9 h stand alles auf. Nach beendeter Waschung und Frühstück gingen wier wieder in die Stadt, wurden aber durch einen Regen derart gebadet, dass wir durchnässt waren bis auf die Haut. Herr Jon wollte einiges kaufen; es war aber eben National Feiertag und daher die Läden alle geschlossen. Sehr viele lockige Leute sieht man in der Stadt w.z.B. Kornblüh‘s, Moischach‘s u.s.w.

Um 5 h nachmittag fuhren wier in den Bahnhof von Satu mari ein, und in einer stunde weiter. Am Abend arrangierten wier einen „fürchterlich-großartigen“ Unterhaltungsabend. In erster reihe wurde ein Gesangsverein gegründet der in der Taufe den Namen „Keuchhusten“ erhielt. Als erste Nr. war Tanz ohne Musik, dan trug der Verein das Lied „Die Phantasie in der Lampe“ vor. Von mier wurden einige Jongleur und akrobatische übungen aufgeführt. Aus dem Nachbar Waggon brachte man eine Harmonie dann begannen wier das Tanzen bis uns der Schweiß von der Stirne lief. Einige Rumänische Grenzsoldaten kamen, dan wurde Ardelean getanzt. Unterdessen fuhr uns eine Locomotive in die letzteren Waggons, so das sich dießelben ineinanderschoben. Die darin befindlichen Möbel fielen um oder zerbrachen. Einige bekamen nicht sehr schwere Verletzungen. Wier bekamen bloß einen tüchtigen Stoß.

Nach Lust und Schreck begaben wir uns in das Schlafgemach. Bloß der Stauber tat noch einige Schritte mit seinen langen Beinen und da er es am Boden nicht tun konnte, stieg er auf den Koffern und Kisten herum.

August am 27. In der früh erwachten wier in Királyháza (Kralje). Wier haben also in Nacht die Rumänisch-Tschechoslowakische Grenze überschritten.

Schulteis verbrachte seine gymnastische Übungen auch dieße Nacht an Herrn Kubalik wie auch an dem Herrn Stauber, indem er beide mit seinen Füßen (Schulteis zog beim schlafengehen seine Schuhe immer an) derart bearbeitete, das sie am nächsten Tage blaugelbe Flecke aufweisen konnten.

Hier sollen wier wieder einige stunden stehen bleiben. Wier sind übrigens Mißgestimmt da es wieder Regnet.

Und doch brachte uns dieser Tag Besonders. Frau Friedmansky hatte die güte uns ein Mittagmahl zu kochen, welches aus einer Suppe und Eiernockerl bestand, das erste warme essen seit unserer abfahrt. Das da mal ordentlich eingetippelt wurde braucht nicht in erwähnung gebracht zu werden. (Besten Dank Frau Friedmansky!)

Erst gegen Abend fuhren wier weiter durch herrliche Weingegenden. Die Station Beregszász verlassend richteten wier unser Nachtlager her. Vorher wurde aber schrecklicher Krawall gemacht, was überhaupt zur täglichen Beschäftigung gehörte.

August am 28. Morgens 6 h ward Tagwache gemacht, da wier wieder in Gebirgsgelände kamen, und von dem nichts „verschlafen“ durften. Einer fehlte aus unserer Mitte. Es war der Stauber. Erst als wier den Schlaf aus den Augen gerieben und die Tür öffneten, sahen wier dem langen Stauber seine füße unter einem Stoß umgeworfener Koffer heraus lugen. Schulteis hatte im Schlaf - wie immer - auch diesmal seine Nächtliche übungen fortgesetzt und dabei die Kisten umgeworfen. Wier räumten alles weg, jedoch Stauber schlief noch fest, den glücklicherweiße bildeten die Kisten über ihm ein Dach. Schulteis hielt dies alles für selbstverständlich und kommt sich vor wie ein Held.

Scheinbar sind wier hier in dem Land der Kartoffel, von denen sehr viel zu sehen sind.

Um 9h morgens kamen wier in der Stadt Kaschau (Kožice) an. Wier gingen in die Stadt hinein und erquickten uns in erster reihe an einem guten Thee. Nachher besichtigten wier die Stadt. Ich kann die Schönheit wie auch ihre Lage nicht genug rühmen. Es dürfte Ihr keine Stadt in dem gewesenen Ungarn gleichkommen. Die schönen und eleganten Geschäftshäuser sind Einzig. Auch gingen Wier in den berühmten Kaschauer Dom welcher sehenswürdig ist.

Um 3.15 h nachmittag fuhren wier von hier weiter, in die herrliche Karpathen Berge. Wir wußten nicht wo wier hinblicken sollen. Unwillkürlich mußten wier die Arme ausbreiten, als hätte man alles an sich ziehen wollen. Wie schön die grünen Täler mit ihren Bäche und Flüsse sind und die Berge mit Ihren Fichten und Tannen spottet jeder Beschreibung. Die Wasserfälle, die von dem Wasser ausgespülten Felsen oder die Felsen welche jeden Augenblick herab zu stürzen drohen aus der Höhe sind bewunderwert. Auch Romantisch sind die vielen Burgruinen, welche größtenteils auf Berggipfeln stehen.

Nicht genug staunen und wundern konnten wier an der von der Natur so reich an schönheiten begabten Gegend. Aber die herrlichkeiten wurden von uns auch gebührend gezollt. So oft wier etwas Interresantes sahen, klatschten wier vor Freude in die Hände und stimmten manchmal einen solchen Krawall ann, daß man meinen konnte, es beginne eine Schreckliche Indianerschlacht.

Um 9 h kamen wier in Iglau (Igló) an. Leider aber, als wier noch mehr und schöneres zum sehen gehabt hätten - da wier über die Hohe Tatra fuhren - war es Nacht. Es waren Jedoch einige, welche die ganze Nacht hinaus lugten, was aber keinen wert hatte, da man doch von der Farbenbracht nichts sehen konnte.

August, am 29. In der Früh kamen wier in die nähe von Ruttka (Vrútky) und bewunderten abermals die Gegend, natürlich den Rest der Hohen Tatra.

Bei Ruttka kamen wier in das schöne Vágtal in welchem sich der Vágfluß durchschlängelt. Auch dieses Tal hat seine Sehenswürdigkeiten in Hülle und Fülle. Es ist wirklich nicht zum beschreiben wie herrlich dieße Gegend auch ist, das Gefühl des Menschen wird durch dieße schönheiten geändert. Fast andächtig stehen wier an der Thüre und ergötzen uns an diesen stillen Plätzen. In tiefen Zügen atmen wier die frische, kräftige Luft ein.

Um 10 h vormittag kamen wier in Zsolna (Sillein) an. Hier wurden die Waggone umgruppiert d.h. diejenigen die nach Deutschland fuhren wurden ausrangiert und auf ein anderes Gleis geschoben. Da nun in diesem Waggon wo ich war die Mehrheit derer war die nach Deutschland fuhren, so mussten wier von da ausziehen und in den Waggon 28473 wandern. Von dort wieder zogen einige Jungens in unseren alten Wagen. Schulteis ließ seinen Paß umschreiben für nach Deutschland. Wier nahmen von unseren liebgewordenen Reisegefährten Abschied.

In unserem neuen Wagen waren auch einige Mädels. Von diesen fuhren die meisten nach Österreich und eine Reichenberg. Das Schicksal wollte es nun, das sich einer der nach Deutschland fahrende sich während der Reise in daß Reichenberger Mädel arg verliebte (Er war aus Billed, sein Name muss ich jedoch verschweigen da es mier vielleicht schlecht ginge, nur soviel will ich gesagt haben, das er aus der Kutte sprang). Nun kam der Augenblick wo es geschieden sein sollte, welcher schon auf die Zuschauer nicht wenig wirkte. Es war einfach Herzzereeißend. Das Mädel vergoß Thränen in der größe von Taubeneier. In wenigen Minuten schon hätten wier die weitere Fahrt mit Schiff machen können, so ausgiebig waren die Tränen. Man kann sich die Liebe aus malen (Es muß eine Repatrierungsliebe gewesen sein). Als nun der Zug nach Deutschland abgefahren ist wollte sich die Reichenbergerin schier die Haare ausraufen und die Kleider zerreißen. Wier hatten Mühe sie zu trösten. Man machte so viel witzige bemerkungen, daß sie nicht wußte, was sie beginnen soll. Und siehe: mitten im Thränenstrom mußte sie herzlich mitlachen. Also Regen bei Sonnenschein. Wier wollten uns darob schier buklig lachen. Doch bald wurde die Reichenbergerin wieder traurig und die Tränen floßen weiter. Wier häkelten aber so viel an Ihr, daß sie sich aus unserem Waggon flüchtete. Seither habe ich sie nicht gesehen. Der Herr erleichtere ihre Leiden!

Eine Stunde nach abfahrt des deutschen Zuges fuhren auch wier über Trencsén (Trencin) und da war was bisher noch nicht geschah. Es gab eine Hochzeit. Aus dem Nachbarwaggon kamen Mädels auf Besuch. Da wurde natürlich viel Scherz gemacht. Herr Kubalik saß zufällig neben dem Frl. Mizzi Schedy aus Wien. Da kam mier der kolossale Gedanke, daß man da einen Spaß machen könnte. Mein Antrag die beiden letztgenannten zu Trauen, wurde mit großer Begeisterung aufgenommen. Es wurde gleich zur Traung vorbereitet. Als Pastor (Pfarrer) fungierte ich, dan als Ministrant Schneider Hans (er wurde von alle so genannt) die übrigen waren Beistände und Gäste. Ich und Hans waren entsprechend Maskiert. Ich hielt eine solche rührende Rede, daß alle gerührt waren wie Zwetschkenmus. Dan wurden sie von mier zum Ewigen leben verbunden. Den Traungsgesang Produzierte Gesangsverein „Keuchhusten“. Die Noten gab Herr Jon. Singen konnte jeder was er wollte. Und es ging, ich dirigierte gut. Solche „Piano“ und „Forte“ wird der Ujpécser Gesangverein nie zuwegen bringen.

Nach dieser großartigen Hetz‘ lachten wier wohl über 905 Sekunden.

Noch vor Pöstyén (Piestany) begab sich daß zweite Ereigniß u. zw. eine Herzzereisende Scene. Irgend eine Schwiegermutter starb plötzlich und das Leichenbegängnis mußte gefeiert werden. Die nötigen sachen wurden hervorgeholt und es war alles gleich bereit. Ich trug wie gewöhnlich (ihr wißt es ja die ihr schon in meiner Gesellschaft waret) einen ziemlichen Busch auf dem Hut, den ich fingierte als Rappe der Leichenbestattungsanstalt. Nr. 2 Herr Häns als Pastor mit einer brennender Kerze und einem weißen Mantel Nr. 3 Schneider Hans mit einem Stock daran ein Handtuch gebunden Nr.4 Herr Jon, mit einem Damenhut und unter dem Arm einen ziemlich umfangreichen Irdenen Krug (Walachischer Kruch) Nr.5 Herr Kubalik, mit seinem Napoleonhut und mit einem Sacke sich die Thränen abtrocknend, Nr.6 ein Junge aus Billed mit aufgespanntem Regenschirm in einen Gramaphontrichter blasend; Nr.7 Frl. Poldi Hasik mit einem Herrenhut (Halbkrach), Frau John und noch einige Leidtragende. Es war ein sehr trauriger Zug welcher sich in Bewegung setzte. Das war ein Heulen, Kreischen, Zether und Wehgeschrei wie es ein Repatriierungstransport noch nicht erlebt hat. Einige brüllten, daß der Zug stehen bleiben wollte.

Nachdem wier Siebenhundertneunundachtzigmal im Waggon herumgingen, trennten sich die Trauergäste.

Meine lieben, Ihr könnt euch die Maskeraden vorstellen, die hier zusammengestellt waren. Ich glaube, soviel wurde noch nicht gelacht während der Fahrt. Ein jeder hielt sich die Bauchgegend.

In Pöstyén (Piestany) angekommen stieg unser beliebter Reisegefährte Kubalik aus, da er unweit von obengenannten Orte seine Heimat hat. Wier nahmen von dem Lustigen Knaben herzlichen Abschied und bedauerten einen Spaßvogel weniger zu haben. Wie er erzählte‚ hat er in Csakova nicht wenige stücklein mit seinen innigsten Freunden aufgeführt. (Er dürfte jetzt schon Hauptmann in der Tschecho-Slowakischen Armee sein, da er in der gewesenen Öst.-ung. Armee schon Oberleutnant war.)

30. August. Frühmorgens kamen wier in Pressburg (Bratislava) an. Der Zug fuhr sehr langsam und wier konnten die Stadt sehr gut übersehen.

Um 2 h überfuhren wier die Cesko-Slovensky - Deutschösterreichische Grenze. Die in dem Zuge befindlichen Österreicher begrüsten ihre Heimat mit großem Jubel.

In Marchegg kontrollierten die Finanzer unser Gepäck nach Zucker und Tabak, konnten aber nur sehr wenig finden. Der gute Finanz hatte zwar den Karton in welchem ich den Tabak hatte in den Händen, doch hatte ich zur Sicherheit mit großen Buchstaben das Wort „Eier“ draufgeschrieben. Ich zitterte zwar in allen Gliedern und machte das unschuldigste Gesicht von der Welt und war nicht wenig ergötzt von seinem erstaunten Gesicht herunter zu lesen, das er zu seinem Bedauern gar nichts bei mier finden konnte. Und das ist doch überhaupt nichts ausergewöhnliches, den es ist schon nachgewiesen das die Mäuse keine Katzen fangen, das alte Ziegen krepieren, hingegen Kuhschwänze wackeln und warum soll auch nicht ein Finanz mit leeren Händen abziehen, na nicht?!

Gesangverein „Keuchusten“ war auch nicht untätig und sang was er sich bisher nicht traute: die Wacht am Rhein wie auch andere Lieder wobei einige gerührt waren wie Seife beim kochen, andere hingegen geschlagen wie Eiweis.

Einen richtigen Durst hatten wier auch und gingen daher in die Restauration um uns mal an einem richtigen Wiener Bier zu laben, fanden aber das, daß sonst so berühmte Österreichische Bier bei weitem nicht so gut war als das unsrige d.h. daß eurige nämlich wie das beim Schwarze Jani, wollt sagen wie das in Temeswar gebraute, also daß Rumänische.

Ein Violin wurde herbeigeschaft und Herr Jon spielte den Herkuleswalzer und einige Polkas wobei alle moderne und unmoderne Tänze aufgeführt wurden.

Nach 7 stündigem stehen rollte der Zug weiter und kamen 7 h Abends in Stadlau an. Hier began der Lärm von neuem. Wier arrangierten einen Internationalen Tanzabend. Es wurde getanzt: Ardelean, Joc, Hora, Csárdás, Tango, Fusstep, Onestep, Foxtrott, Nudlwaljer, Neubayrisch, Quadrill, Walzer, Polka wie auch der berühmte Indianertanz.

Alle Züge, welche durch den Bahnhof fuhren blieben stehen um staunen und wundern zu können. So kam es das alle Züge die nach Wien fuhren um einige Stunden Verspätung hatten. (Der es nicht glaubt kann sich heute am Wiener Ostbahnhof noch erkundigen).

Abends 9 h kamen wier in Wien am Ostbahnhof an. Mit einem schrecklichen Indianergeheul begrüßten wier die Stadt.

Da die mehrheit in unserem Waggon Wiener bezw. Wienerinen waren gingen sie nachhauße. Becker Matz ging in die Stadt und kam mit der frohen nachricht, das in Wien ein reges Strassenleben sei, die Läden mit Waren und Lebensmittel überfüllt sind. Der gute Mensch hat aber ganz vergessen sich nach den Preisen zu erkundigen, die für einen gewöhnlichen Menschen faßt unerschwinglich sind. Doch will ich mich nicht mit den verhältnissen befaßen da ich doch nur meine Reiseerlebnisse schildern will mit welchen ich bereits fertig bin.

Wier blieben also noch dieße Nacht im Waggon schlafen, vielleicht hatten wier uns schon zu sehr gewöhnt an das Waggonleben von dem ich und die anderen nicht mehr lassen konnten. Wier schliefen auch prächtig, doch mein Schlafkamerad, der gute Schneiderhans ließ mier in der letzten Nacht keine Ruhe. Fortwährend riß er die Decke von mir, so daß ich immer kalt hatte. Auch träumte es ihm, warscheinlich von einer Billardpartie, den er stieß mir wohl ein halbes Dutzend Rippen ein. „Himerl, Arm und Zwirn!“ schrie ich, als mir die Geduld ausging, „gib ruhe oder ich mach als Revanch eine Kegelpartie.“ Und das gute Kind muckste sich nicht weiter.

Am 31. August standen wier zeitlich auf und Hans ging in die Stadt um zu spähen ob sich für uns ein Lokal befindet. Indessen entfernten sich die übrigen Reisegefährten. Auch Fräulein Poldi, welche den Abend vorher nachhause ging, kam wieder um sich Ihr Reisegepäck abzunehmen. Um 10 h kam Hans und Becker Matz. Wier nahmen uns einen Wagen um unser Gepäck hineinzubefördern was nicht mehr als 280 kr kostete.

Nun nahmen wir Abschied von unseren lieben Herrn und Frau Jon, welche schon Tags nachher in die Schweiz fuhr. Einen Stuhl, um den sich zwei Parteien den vorherigen Tag gestritten haben und jeder ihn sein Eigentum nannte, ließen wier als Beute mitgehen. So hielten wier den Einzug in das etwas große Dorf Wien. Ich und Hans bis zum Herrn Christian, wo wier absteige Quartier nahmen und Becker Matz in seine frühere Wohnung.

Somit ist die Reise beschrieben vom „Anfang bis zum Ende.“

Vielleicht wollt Ihr ich soll euch von Wien erzählen? Was soll ich da viel Worte machen. Es könnte euch übel werden davon. Das eine interessante von Wien ist das essen. Während ich daheim nach dem Essen den Hosenriemen lockern muste, muß ich ihn hier noch fester zussammen ziehen. Daheim habe ich mier mit dem Essen den Appetit verdorben, hingegen ich ihn hier noch mehr anrege. Nicht wahr, das ist sehr umgekehrt.

Ansonsten ist es in Wien immer hübsch. Wien wollte mier anfangs nicht gefallen jedoch finde ich es jetzt doch schön, obzwar ich über mein Budapest noch immer nichts kommen lasse.

Somit will ich nun wirklich aufhören von Wien, denn ich will wie schon erwähnt euch unsere Reiseerlebnisse übergeben, welche wirklich schön wie auch Lustig gewesen. Über eines waren wier nur froh, gute und aufrichtige Reisegefährten gehabt zu haben, den wier konnten uns gegenseitiges vertrauen zufügen.

Der nun lust hat, meine schilderungen zu lesen oder sich daran ergötzen will, dem soll dieses Heft zur Verfügung zukommen. Gewiß wird ein „Gelehrter“ überaus viel Ortographische fehler, wie auch „nichtrichtigkeit“ der Interpunktionen finden. Das muß man mier verzeihen, den selbst Goethe, der große Dichter, soll darin nicht ser geübt gewesen, darum muß man mir diese Nachsicht geben.

Mein wille ist es noch, das man mein „Werk“ schonen soll und wen es ausgelesen, wieder retour gegeben werden.

ENDE

Als Nachtrag will ich noch mitteilen, das wir unsere Reisegefährtin, das Fräulein einmal besuchten, die uns dan erzählte das Ihr „Ex-Bräutigam“ dem sie auf und davon ging wie ich ja schon vorne erwähnt habe, und der dan doch gewahr wurde, daß er doch unrecht tat sie so behandeln und ihre entfernung nicht ohne bedauern annahm.

Als er nun darauf kam‚ daß sie wirklich fort war und nicht mehr zurückkehrte begab er sich auf die Reise welche er bis zur Landesgrenze mit Bahn machte und nach 30 tägigem Fußmarsch in Wien ankam um sich Ihr zu Füße zu werfen. Einige Nächte schlief er in den Parkanlagen bis er sich erkühlte. Dan ging er in die Wohnung ihrer Eltern und bat man möge ihn am Fußboden schlafen lassen, wies ihn aber ab.

Auch seine Braut bat er um Verzeihung und versprach Ihr den Himmel. Sie schenkte ihm aber kein gehör und als er sich nicht entfernen wollte wurde er angezeigt, ihm das Reisegeld gegeben (er war gänzlich ohne Mittel und hat infolge seiner erkühlung auch im Spital gelegen) und hat ihn dan mit aufsicht Nachhauße geschickt.

Also ein Abenteuer und Tragödie zugleich und ich bin nicht wenig Stolz die Heldin als Reisegefährtin gehabt zu haben. Hoffentlich wird sich Herr H in Resicza von den Gefahren erholt haben und auch vergessen lernen.

Von Herrn Jon haben wier schon mehreremals Schreiben bekommen. Es geht ihm gut und ist stets auf Reisen. Herr Kallina ist in Deutschland und wird sich demnächst nach Holland begeben. Von den übrigen haben wier keine Nachricht. Kallina hat uns nur soviel mit geteilt, das Schulteis und Stauber in Schlesien aufgehalten wurden.

Nun hätt ich von der Reise und von den Reisegenossen nichts mehr mitzuteilen und gebe auf der Nächsten Seite die eigenhändige unterschrift der letztgenannten.

Wien, am 10 Dezember 1920

Hans Dian

 


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